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Renate Bastian

Sozial und ökologisch im Tandem

Renate Bastian (Platz 1 / Marburger Linke und Oberbürgermeisterin für Marburg)
Renate Bastian

Interview mit Renate Bastian, Oberbürgermeisterkandidatin der Marburger Linken

Warum möchtest du als älteres Semester noch Oberbürgermeis­terin werden?

Wenn in den USA der drei Jahre ältere linke Bernie Sanders fast Präsidentschaftskandidat der Demokraten geworden wäre und Joe Biden noch zum US-Präsidenten taugt, werde ich – zumal als Frau – wohl Marburg vertreten können.

Du hast den anderen Kandidat*in­nen deine langjährige kommunalpolitische Erfahrung voraus.

Es braucht Erfahrung und langen Atem. Manche Pläne schlummern jahrzehntelang. Die Elisabeth- und die Bahnhofstraße sind immer noch nicht umgebaut, Schnellbusse nicht im Einsatz. Wer weiß denn, dass bereits 1969 ein Jugendbündnis den Bus-Nulltarif gefordert hat? Wir greifen auf viele Jahre linker Kommunalpolitik zurück.

Und heute?

Man plant viel, häufig Stückwerk und für die lange Bank. Beim Bauen hatten bislang die kurzfristigen Bedürfnisse der Inves­toren Vorrang.

Das wäre es: Zusammen mit den Menschen einen Stadtentwicklungsplan entwerfen, der vorschreibt, wo Baugebiete ausgewiesen werden, wo verstärkt Sozialwohnungen, Infrastruktur und Grünflächen entstehen und wie der Verkehr umweltfreundlich abgewickelt wird.

Wurden unter Rot-Schwarz nicht viele Wohnungen gebaut?

Aber nicht so viele wie behauptet und vor allem teure. Für Sozialwohnungen ste­hen immer noch rund 900 Menschen auf der Warteliste. Die GeWoBau muss viel stärker in die Offensive gehen, zumal einem heute die Baukredite fast nachgeworfen werden. Das geht nur, wenn die Stadt endlich selbst geeignetes Gelände kauft und den eigenen Bestand nicht privatisiert. Außerdem gehören Sozialwohnungen nicht nur an viel befahrene Straßen oder dorthin, wo es bereits günstigen Wohnraum gibt.

Wie ein roter Faden zieht sich der neumodische Begriff „sozial-ökologisch“ durch das Programm. Macht sich da das Ökologische auf Kosten des Sozialen breit?

Wie bei einem Tandem kommen beide zusammen voran. Die Klimakrise bewältigen wir nur, wenn die Schere zwischen Arm und Reich sich schließt. Gar nicht geht, dass die notwendige Energiesanierung zu einer Erhöhung der Warmmieten führt. Ein anderes Beispiel ist der bereits erwähnte Nulltarif im Nahverkehr. Viele Menschen können sich weder Pkw noch Bus leisten, gehen bei Wind und Wetter zu Fuß oder fah­ren Rad. Ihnen würden wir durch einen Nulltarif die Lebensqualität verbessern, für andere würden wir einen Anreiz schaffen, das Auto stehen zu lassen.

Es zeigt sich, dass unter der Corona-Krise Menschen mit kleinem Geldbeutel besonders benachteiligt sind und ihre Kinder beim Home-Schooling den Kürzeren ziehen. Was müsste sich in Marburg ändern?

Natürlich muss sich zuerst auf der Bundesebene etwas ändern: z.B. Hartz IV durch eine Grundsicherung ersetzen, die den Namen verdient. Aber Marburg muss selber mehr tun und die unterstützen, die bisher teilweise oder ganz durch den Rost gefallen sind, also Erwerbslose, viele Solo-Selbständige, kinderreiche Familien und auch Studierende, denen ihr Job weggebrochen ist. Und wir brauchen dringend eine Aufwertung des Stadtpasses, mit Nulltarif im Nahverkehr.

Aber eine Stimme für dich ist doch verschenkt.

Das sehe ich nicht so. 2015 kam der angeblich chancenlose OB-Kandidat der Linken, Jan Schalauske, auf den dritten Platz, noch vor der grünen Kandidatin. Und vor Kurzem hat ein Kandidat der LINKEN in Konstanz fast gewonnen. Vieles ist möglich. Auf alle Fälle wird mein gutes Ergebnis Einfluss auf die künftige Marburger Politik haben.