Fragen von Kirche in Marburg

Welche Aufgaben ordnen Sie den Kirchen zu? Was sind Ihre persönlichen Erwartungen?

Aktive Beteiligung am gesellschaftlichen Leben - mit sozialem Engagement und als moralische Instanz. Deutlich Partei zu ergreifen für friedliche Lösungen (also auch gegen den Afghanistankrieg), für die Menschen, die sozial benachteiligt sind. In einem Umfeld, in dem die hektische Jagd nach Profit im Zentrum steht, Ruhe und Besinnung verteidigen, den Feierabend, die Feiertage und die Sonntagsruhe; dabei ohne Vorurteil Bündnisse eingehen. Stets zur Verständigung aller Glaubensgemeinschaften beitragen. Mit ihren eigenen Beschäftigten müssen die Kirchen Tarifverträge abschließen.

Wo sehen Sie im Moment die brennendsten sozialen Ungerechtigkeiten und was würden Sie dagegen tun?

Die Agenda 2010 hat unsere Gesellschaft sozial tief gespalten, die Finanzkrise wird die Probleme verschärfen : Kinderarmut, soziale Demütigung (Hartz IV), aus Armut unterlassene Arztbesuche, die Notwendigkeit der Tafeln (Almosen statt ausreichender Grundsicherung), Hungerlöhne, die zunehmende Erfahrung, dass auch Freunde es sich nicht mehr leisten können in Urlaub zu fahren, empören mich besonders. Kurzarbeit droht in Massenarbeitslosigkeit zu münden. Die Linke fordert : Hartz IV muss weg, sofort 500 Euro, Mindestlohn 10 Euro, keine Besteuerung von Kurzarbeitergeld, Vermögenssteuer, Spitzensteuersatz 53%, weitere Konjunkturprogramme, Schaffung eines Öffentlichen Beschäftigungssektors. Völkerrechtlich verbindliche Regeln zur Bekämpfung des Hungers.

Wie stehen Sie zu einem Gottesbezug im Grundgesetz bzw. einer zukünftigen europäischen Verfassung?

Ich bin für die Trennung von Staat und Kirche und dagegen in Verfassungen weltanschaulich Partei zu ergreifen. Allerdings hat der Staat unbedingt die Freiheit der Religionsausübung zu garantieren. Dies war z.B. in der DDR nur eingeschränkt der Fall (Fälle von Ausschluss vom Studium usw.). Verfassungen sollten stattdessen neben den Freiheiten vermehrt auch die sozialen Grundrechte der Bürger sichern (z.B. das Recht auf einen Ausbildungsplatz).

Wie bewerten Sie die Berliner Entscheidung, dass Ethikunterricht Pflichtfach für alle Schüler und Schülerinnen, Religionsunterricht lediglich als zusätzliches Wahlfach angeboten wird. Wie stehen Sie zur Forderung nach islamischem Religionsunterricht?

Beides positiv. Schüler aller Schulzweige haben ein großes Interesse daran über Werte und Sinnfragen ins Gespräch zu kommen. Dafür ist ein weltanschaulich neutraler Ethikunterricht gut. Ich selbst lege großen Wert darauf, meinen muslimischen Schülern in Stadtallendorf auch die christlichen Feiertage zu erklären, obwohl ich weder Religion noch Ethik unterrichte. Dabei stelle ich mit Erstaunen fest, dass sie darüber nicht selten besser informiert sind als ihre ‚christlichen’ Mitschüler.

Welche Geschichte oder welcher Satz in der Bibel regt Sie für Ihre Arbeit an?

Viele. Die Passionsgeschichte vor allem und besonders in der musikalischen Verarbeitung von Bach, jährlich aufgeführt in Marburger Kirchen. Ich kenne kaum eine intensivere, bewegende Kunst. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, also das Gebot der Nächstenliebe : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst1 Die Bergpredigt :Selig die Friedensstifter


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