Eva Chr. Gottschaldt

Demokratie ist Recht auf Teilhabe

„Wir müssen draußen bleiben” – oft sind nicht Vierbeiner, sondern Menschen gemeint, die körperlich oder geistig behindert sind, arm sind oder „verkehrt” leben. Ich stelle mir Marburg so vor: Rollstuhlnutzende kommen über Schrägen und Aufzüge überall hin. Blinde wissen gut Bescheid, weil alle wichtigen Informationen der Stadt in Punktschrift herausgegeben werden. Gehörlose können öffentliche Veranstaltungen verfolgen, weil ein/e Gebärdendolmetscher/In anwesend ist. Menschen aus benachteiligten Schichten wird bildungspolitisch besondere Unterstützung gewährt. Der Magistrat gratuliert einem gleichgeschlechtlichen Paar, das grade im Standesamt geheiratet hat ...

Erst recht soll niemand aus finanziellen Gründen außen vor bleiben! Wollen wir es wirklich hinnehmen, dass in unserem Landkreis Kinder hungern und wenig lernen, weil ihre Eltern arbeitslos, arm oder Einwanderer sind? Ganztagsschulen mit bezahlbarem Mittagessen wären die beste Antwort auf diesen Skandal! Grundsätzlich lehne ich diskriminierende Fragebögen ebenso ab wie gegen die Hinnahme von Menschenrechtsverletzungen unter kulturellem Vorwand.

Der Abbau von sozialen und physischen Barrieren nützt nicht nur denen, die auf vielfältige Weise ausgegrenzt werden, sondern der Kultur der ganzen Gesellschaft. Wir würden mehr Rat von mehr verschiedenen Seiten bekommen, neue Perspektiven und Herausforderungen kennen lernen! Wenn mehr Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Sichtweisen, Schwerpunkten und Problemen mitmachen – dann kann daraus mehr Demokratie entstehen, reiches und buntes Leben!

Umsonst ist das nicht! Es kostet die Anstrengung, sich auf Unbekanntes einzulassen, neue Lösungen zu finden. Geld ist zu investieren, um Räume und Informationen zugänglich zu machen, z. B. um Sprachkurse zu finanzieren oder besondere Angebote für Familien in schwierigen Situationen und Erwerbslose. Gewiss gibt es auch GegnerInnen: Leute, die ihre Vorstellung von Leben, Familie, Religion und Moral anderen aufzwingen wollen, Leute, die „Tradition”, „Nation”oder „Volk” für wichtiger halten als die Menschenwürde des Einzelnen. Damit müssen wir uns entschieden auseinandersetzen! Dazu gehört es, die Erinnerung an alle Opfer der NS-Diktatur wach zu halten und weiter zu geben und jede Form von Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu bekämpfen.

Jeder Mensch soll seinen Lebensweg ungehindert selbst gestalten können – freilich ohne dabei andere in ihrer Freiheit einzuschränken. Und wer wegen seiner körperlichen Konstitution oder seiner Herkunft dabei Probleme hat, soll sich auf die Unterstützung der Politik vor Ort verlassen können. Die Gleichstellungskommission, der Ausländerbeirat und der Behindertenbeirat haben hier schon viel geleistet. Dafür, dass es in dieser Richtung weitergeht, möchte ich mich im Parlament der Stadt Marburg einsetzen.