Marburger Neue Zeitung vom 15.12.2005
Vier Kampfkandidaturen bei den ersten acht Listenplätzen
Linke kämpfen um Plätze
Marburg. (ky). Offensichtlich sind sich die Linkspartei (ehemals PDS) und die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) auch in Marburg noch nicht über ihre gemeinsame Zukunft einig geworden. Als die Linkspartei am Mittwochabend in einer Mammutsitzung ihre Liste für die Kommunalwahl aufstellte, gab es für vier der acht ersten Listenplätze Gegenkandidaturen zu den Vorschlägen des Vorstands.
Die personellen Kontroversen vor allem um die "weiblichen" Spitzenplätze der Liste spielten sich jedoch nicht zwischen Linkspartei sowie WASG und Parteilosen ab, sondern innerhalb der Linkspartei. Hauptkonfliktpunkt war die Platzierung von Eva Gottschaldt, die lange Jahre für die PDS im Stadtparlament saß und im Sommer aus persönlichen Gründen ihr Mandat zur Verfügung gestellt hat. Der Parteivorstand schlug Gottschaldts Nachfolgerin Alexandra Darabos für den zweiten Listenplatz vor, aus der Versammlung kam der Gegenvorschlag, Eva Gottschaldt auf Platz zwei zu setzen. Diese Kontroverse zog sich durch die Diskussion jeder weiblichen Kandidatur auf den vorderen Plätzen, bis die Achtplazierte ihren Listenplatz anbot. Auch da gab es eine Gegenkandidatur. Außerdem wurde ein WASG-Mitglied für Listenplatz sieben vorgeschlagen, auf den der Vorstand das ehrenamtliche Magistratsmitglied Nico Biver gesetzt sehen wollte.
Nicht gerade erleichtert wurde die Abstimmungs-Prozedur durch einen parteilosen Versammlungsteilnehmer, der jedem männlichen Kandidaten persönliches Machtstreben oder Ämterhäufung vorwarf, während er jede Kandidatin wegen der "moralischen" Ablehnung des geplanten Großbordells in der Siemensstraße angriff.
Unstrittig war der Lehrer Henning Köster als Spitzenkandidat. Er wurde mit nur zwei Gegenstimmen gewählt. Auf Platz zwei wurde Darabos mit elf gegen neun Stimmen gewählt, Platz ging einstimmig an Pit Metz. Auf Platz vier kandidiert die Künstlerin Birgit Schäfer, Platz fünf besetzt der Chemiker Michael Weber (WASG). Die ehemalige kurdische Journalistin Halise Adsan besetzt Platz sechs, Magistratsmitglied Nico Biver wurde mit 14 gegen sieben Stimmen auf Platz sieben gewählt. Mit zwölf zu sieben Stimmen bei zwei Enthaltungen nimmt Eva Gottschaldt Listenplatz acht ein. Der Rest der Liste bis Platz 65 wurde mit nur einer Gegenstimme angenommen. Auf Platz neun kandidiert Eckhard Kohn (WASG), Platz zehn wurde mit der Studentin und amtierenden Stadtverordneten Astrid Kolter besetzt. Einstimmig wurden die Vorschlagslisten für die Ortsbeiräte Ockershausen und Richtsberg angenommen. In Ockershausen kandidieren Renate Bastian, Otto Becker und Ulrike Grünheit für den Ortsbeirat, auf dem Richtsberg treten die parteilosen Bernd Hannemann und Marlis Bauss sowie Michael Weber von der WASG an.
Köster zeigte sich erfreut, dass es problemlos möglich gewesen sei, 65 Kandidaten aufzustellen. Dies belege, dass auch in Marburg die Linke gewachsen sei und an Attraktivität gewonnen habe.
Über politische Inhalte war man sich weitgehend einig. Als zentrale Punkte des Programms nannte Henning Köster Verkehr, ökologische Nachhaltigkeit und die prinzipielle Ablehnung der Hartz-IV-Refrom. Es komme darauf an, die Hoffnungen der Marburger nicht zu enttäuschen und sich im Parlament für soziale Fragen, Umweltpolitik und den öffentlichen Nahverkehr mit dem Ziel eines "lebenswerten Marburg" einzusetzen.