Fraktion PDS/Marburger Linke in der Stadtverordnetenversammlung
Antrag, eingereicht am 11.07.2001
NS-Zwangsarbeit in Marburg
- Die Stadt Marburg erkennt an, dass den Zwangsarbeiter(inne)n, die während der NS-Diktatur in Marburg arbeiten mussten, Unrecht geschehen ist.
- In einem Schreiben an die überlebenden Zwangsarbeiter(inne)n bringt sie dies zum Ausdruck und lädt sie zu einem Besuch Marburgs ein.
- Die Zwangsarbeiter(inne)n, die bei der Stadt beschäftigt waren, oder ihre Nachkommen erhalten eine einmalige Zahlung von 1.500,00 DM.
- Die Geschichtswerkstatt Marburg e. V. wird in den kommenden Jahren ausreichend finanzielle Mittel erhalten, um diesen Teil der Geschichte der Stadt weiter aufzuarbeiten und den Verbleib der überlebenden Zwangsarbeiter(innen) bzw. ihrer Nachkommen zu ermitteln.
- Die Stadt fordert die Marburger Unternehmen, die während der NS-Diktatur von der Zwangsarbeit profitierten, auf, - falls noch nicht geschehen dem Entschädigungsfonds der Stiftung beizutreten.
Begründung:
Im Zeitraum von 1939 bis 1945 wurden über 3.000 Menschen aus den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit nach Marburg verschleppt. Etwa 1.700 Personen sind namentlich bekannt. Von den knapp 1.000, deren Einsatzort ermittelt werden konnte, arbeiten je ein Viertel für die Stadt und die Behringwerke, der Rest an 193 Einsatzorten (darunter die Universität, die Reichsbahn, die Blista, die Firmen Fritz Herzog, W. Felden, Industrie und Hallenbau, F. Hermann usw.)
In den Jahren 1942 bis 1943 erwirtschaftete die Stadt allein durch die Verwaltung und Unterbringung der Zwangsarbeiter(innen) einen Überschuss von 81.000 RM. Die würde heute etwa 1 Mio. DM entsprechen.
Es reicht deshalb nicht aus, dass die Stadt offiziell dieses Unrecht anerkennt. Wie ernst sie es mit diesem Bekenntnis meint, wird sich nicht nur an Gesten zeigen, sondern auch, inwieweit sie bereit ist, sich finanziell zu engagieren.
Das gilt ebenso für die Entschädigung der Zwangsarbeiter(innen) wie für die Erforschung der Verbrechen die in Marburg an den Zwangsarbeiter(inne)n begangen wurden. Die Aufdeckung der konkreten Vorgänge und die Benennung der Opfer und der Täter(innen) ist ein Beitrag gegen die Verharmlosung der NS-Diktatur und zur Bekämpfung des wachsenden Rechtsextremismus.
In der Haupt- und Finanzausschusssitzung vom 21. August 2008 änderte die PDS/ML den Antrag wie folgt um:
- "Die Stadt Marburg erkennt an, dass den Zwangsarbeitern (innen), die während der NS-Diktatur in Marburg arbeiten mussten, Unrecht geschehen ist.
- In einem Schreiben an die überlebenden Zwangsarbeiter (innen) bringt sie dies zum Ausdruck und lädt sie zu einem Besuch Marburgs ein.
- Die Zwangsarbeiter (innen), die bei der Stadt beschäftigt waren, erhalten eine einmalige Zahlung von 5.000 DM.
- Die Stadt fordert die Marburger Unternehmen, die während der NS-Diktatur von der Zwangsarbeit profitierten, auf - falls noch nicht geschehen -, dem Entschädigungsfonds der Stiftung beizutreten".
Am 28. September 2001 wurde dieser Antrag durch einen Antrag ersetzt, der vom Stadtverordnetenvorsteher Löwer vorgelegt und von der SPD eingebracht worden war und der in der folgenden Version einstimmig angenommen wurde (ein Änderungsantrag der PDS/ML, allen Zwangsarbeiter(innen) 5.000 DM zu zahlen, wurde abgelehnt):
- Die Stadt Marburg erkennt an, dass den Zwangsarbeitern/innen (Zivilisten/innen wie Kriegsgefangenen), die während der NS-Diktatur in Marburg und den heute zur Stadt Marburg gehörenden Stadtteilen eingesetzt wurden, Unrecht geschehen ist.
- Zur qualitativen und quantitativen Erforschung von Zwangsarbeit während der NS-Zeit auf dem Gebiet der heutigen Stadt Marburg werden Sach- und Personalkosten für eine wissenschaftliche Angestellte (BAT III, Vollzeit) für den Zeitraum von zwei Jahren sowie für eine ABM-Stelle zur Verfügung gestellt.
- Die Ergebnisse sollen in einer detaillierten Gesamtdarstellung in den Stadtschriften veröffentlicht und die zusammengetragenen Materialien allgemein zugänglich gemacht werden.
- Der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 27. Oktober 2000 über einen öffentlichen Aufruf an die Marburger Bürgerinnen und Bürger sowie Institutionen und Unternehmen bezüglich mündlicher und gegenständlicher Überlieferungen zur Zwangsarbeit in Marburg soll sobald wie möglich umgesetzt werden.
- Die Stadt Marburg wird sich bemühen, mit noch lebenden Zwangsarbeiter/innen aus Ost-, Süd- und Westeuropa in Kontakt zu treten, um
- Berichte von Betroffenen aus ihrer Zeit in Marburg zu erbitten,
- ihnen eine Einladung zu einem Besuch in der Stadt Marburg vorschlagen zu können sowie
- Möglichkeiten im Rahmen persönlicher Hilfeleistungen (Medikamente, Heilmittel, Verbesserungen der Lebensbedingungen, ggf. auch monetäre Unterstützung etc.) in Erfahrung zu bringen.
- Die Stadt Marburg fordert Marburger Unternehmen, die während des zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter/innen eingesetzt hatten, auf falls noch nicht geschehen dem Entschädigungsfonds der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (Stiftungsgesetz in Kraft getreten am 12.8.2000 BGBl. I S. 1263) beizutreten.
Zur Unterstützung und Koordinierung der Forschungen zur Zwangsarbeit in Marburg soll für die Dauer der Maßnahmen ein Beirat unter der Leitung des Stadtverordnetenvorstehers gebildet werden, dem neben Vertretern des Stadtparlaments, dem Stadtarchivar und der Geschichtswerkstatt Marburg e.V. nach Möglichkeit auch die Universität angehören soll.